Ina Plodroch

 

Scheiß auf Kanon

Die Arroganz der Musikkritiker zeigt sich direkt zu Beginn eines Rolling Stone Artikels. 2019 schreibt das Magazin im Internet: „Die 50 besten deutschen Platten aller Zeiten. Mit Kraftwerk, Can und Fehlfarben – und garantiert ohne Helene Fischer“. Der Kritiker unterteilt die Popmusik in gut und schlecht. In die hohe Popkultur und die niedere Popkultur, also Helene Fischer, die nur den Pöbel unterhält, und wer sich das reinzieht, kann sie ja nicht mehr alle haben. Ich nehme mich von dieser Haltung gar nicht aus. Aber wenn ich darüber nachdenke, ist es peinlich, Popmusik mit dem elitären Anspruch zu hören, als wäre es klassische Musik.
Dieser Versuch des Musikmagazins, einen Kanon der deutschen Popmusik zu finden, ist aber auch deshalb peinlich, weil die Redaktion des Rolling Stone es 2019 tatsächlich noch fertigbringt, 61 Musikjournalisten und 3 Musikjournalistinnen zu fragen, was sie für die besten deutschen Platten halten.

Der Kanon, der daraus entstanden ist, lässt sich leicht zusammenfassen: Sobald ein weißer Mann aus dem Westen eine Gitarre in die Hand genommen hat oder noch besser, den Synthesizer erforscht hat, ist es genieverdächtig und gehört kanonisiert. Die einzige Frau, die laut dieser Liste überhaupt etwas einigermaßen Annehmbares zustande gebracht hat, ist Annette Humpe mit der Gruppe „Ideal“. Diese Liste zeigt stellvertretend, dass die Pop-Kanonisierung in Deutschland ein Problem hat. Deshalb ist der Ansatz des Lieblingsplatten-Festivals ziemlich klug und viel passender. Denn Pop aus Deutschland braucht diese Art Kanon, wie es ihn bisher gibt, nicht.

Dass dieser existiert, auch ohne dass Pop-Institute, Musikmagazine oder Verlage ihn hochoffiziell bestimmen, weiß jeder, der sich länger als fünf Minuten für Musik interessiert hat. In meiner Jugend habe ich „Wir sind Helden“ und „Sportfreunde Stiller“ gehört und fand das völlig unproblematisch, weil ich mich damit wie eine Musikkennerin gefühlt habe. Mit dem Studium wurde das dann schlagartig anders. Ich habe angefangen, als Musikjournalistin zu schreiben, war auf vielen Konzerten und Festivals unterwegs und musste feststellen, dass in dieser Szene „Wir sind Helden“ und „Sportfreunde Stiller“ kein Mensch hörenswert fand. Ein bisschen zu populär waren sie wohl. Und Tomte, Kettcar – das ging vielleicht in den 2000ern noch, mittlerweile gehen die beiden Bands in Kennerkreisen aber höchstens noch als Jugendsünde durch. Anders als Blumfeld, Die Sterne oder Tocotronic. Sowieso Blumfeld. Hab ich nie verstanden, nie groß gemocht, aber mag man halt in der Szene. Was so viel heißt wie: Die gehören eben zum Pop-Kanon. Der wahre Musikkenner zeichnet sich aber durch sein übermäßiges Interesse an Krautrock-Bands aus. Die nennt er natürlich nicht Krautrock, weil er weiß, dass Can, Neu!, Kraftwerk, Harmonia nicht so viel von dieser Genre-Schublade halten.
Es ist möglich, diesen mündlich überlieferten Kanon, den sich Leute vor Konzerten stehend, immer wieder und wieder erzählen, aufzuschreiben. So lange Musikmagazine wie Musikexpress und Rolling Stone diesen rein männlich geprägten Pop-Kanon allerdings nur reproduzieren, braucht ihn kein Mensch, weil Popmusik in ihrem Wesen nicht ernst genug genommen wird, und dadurch wichtige Bands und Künstlerinnen fehlen. Das liegt daran, dass es in diesen Listen viel mehr um den Kritiker als um die Musik geht. Deshalb ist dieser inoffizielle Pop-Kanon, so wie er bisher zu existieren scheint, ein Widerspruch in sich. Kritiker versuchen eine Avantgarde herauszuarbeiten und suchen eine Art wahre Kunst, die eben gerade kein Pop sein will. Eine solche Kanonisierung etabliert eine Art zweite Hochkultur. Die Pop-Hochkultur. Und die blickt auf den eigentlichen Pop aus den Charts wie die Hochkultur auf den Pop. Verachtend. Und das ist schon absurd: Warum Popmusik hören, wenn man das populäre verachtet.
In diesem Pop-Hochkultur-Kanon geht es fast ausschließlich um den Geniekult. Gendern ist auch an dieser Stelle nicht nötig. Für den heiligen Pop-Kanon werden Künstler und Bands gesucht, die wegweisendes und künstlerisch übermenschliches zustande gebracht haben. Dass auch mal Punk auf so einer Liste vorkommt, ist dabei nur das Feigenblatt und die Vergewisserung, dass es auch mal rotzig sein darf. Eigentlich soll es aber so kompliziert und unzugänglich sein, dass der auswählende Kritiker sich seiner eigenen intellektuellen Größe vergewissert. Dass möglichst wenige diese Band oder den Solokünstler kennen dürfen, ist selbstverständlich. Das zeigt: Musikhören erfüllt nie nur den Zweck des reinen Hörens. Popkultur ist immer auch Distinktion. Und so verhält es sich auch mit diesen Listen. Es ist kein Zufall, dass die Leserlisten in den Musikmagazinen und die offiziellen Jahrescharts komplett anders aussehen als die Jahreslisten der Musikkritiker. Was Menschen wirklich hören und was Kritiker als wertvoll bestimmen, hat also wenig miteinander zu tun. Das Sterben der Musikmagazine lässt sich damit auch so erklären, dass kein Hörer und keine Hörerin mehr Lust darauf hat, sich von einem elitären Musikkritiker sagen zu lassen, dass der eigene Musikgeschmack minderwertig ist. Und deshalb sollte auch ein Pop-Kanon nicht auf gleiche Weise elitär ausfallen.
Vielmehr sollte ein Pop-Kanon mit einbeziehen, wie identitätsstiftend Popmusik sein kann. Manche Platten begleiten Generationen auch Jahrzehnte später noch, selbst wenn diese Alben musikalisch unterkomplex sind. Das Debütalbum der Band „Echt“ ist so ein Beispiel. Wer nur nach avantgardistischen Neuheiten sucht oder schlicht mit der eigenen Auswahl enorm angeben will, wird „Echt“ niemals in den Kanon aufnehmen. Dabei hat diese Platte eine ganze Generation geprägt. Popmusik steht immer auch im Zusammenhang mit der Zeit, in der sie erscheint, und damit für die Menschen, die in dieser Zeit jung sind. Es prägt sie, selbst wenn Kim Frank eigentlich nicht wirklich singen kann. Wer nur den Song sieht, nur das Album und nie den Kontext, der kann Popmusik eigentlich nicht mögen. Ein Kanon im Sinne eines Pop-Begriffs, der sich von der elitären Hochkultur abgrenzt, sollte auch solche Alben betrachten.

All das soll nicht heißen, dass Kraftwerk, Can, Neu! und all die anderen Bands, die in dieser Zeit ab Ende der 1960er Jahre dafür gesorgt haben, dass Musik aus Deutschland nicht nur US-amerikanischen Vorbildern hinterherhechelt, sondern auch eine ganz eigene Idee verfolgen kann, dass diese Alben vergessen werden sollten. Oder dass es arrogant ist, sie zu nennen. Aber die Geschichtsschreibung der deutschen Popmusik ist im vollen Gange, Bücher erinnern an diese Männer und diese Zeit und ihre Musik. Allzu detailversessene Listen, in denen es dann nur darum geht, welche Can-Platten nun wichtiger ist, lenken zu sehr davon ab, was ihnen eigentlich fehlt: Nämlich Frauen, Bands oder Künstler aus der DDR, Hip Hop oder auch Techno kommen bisher viel zu kurz.
Das liegt vielleicht auch an dieser Genie-Verehrung der Kritikerwelt. Es zeigt sich ziemlich deutlich, dass zum Kanon nur dazu gehören darf, wer seine Songs alleine schreibt. Dass die Popwelt anders arbeitet, sollte mittlerweile allerdings bekannt sein. Songschreiber treffen andere Sängerinnen und Produzenten und gemeinsam entstehen spannende Alben. Im Schlager war das schon immer so. Vermutlich ist diese Arbeitsweise aber ein Grund, warum Hildegard Knef viel zu selten bis nie auf den Listen der Musikmagazine auftaucht. Dabei gehört sie fest zur deutschen Popmusik, weil Schlager und Pop zusammengehören und sie alleine mit ihrer Einstellung und ihrem Sound mehr Pop als Schlager ist. Aus dem gleichen Grund sollten auch auch die „No Angels“ als erste Castinggruppe der Sendung „Popstars“ zum deutschen Pop-Kanon gehören. Natürlich ist das Prinzip ihrer Gruppe von den Spice Girls abgeschaut. Fünf Frauen, jede steht für einen anderen Charakter. Sie sind aber auch eine der wenigen Versuche, eine deutsche Girlgroup aufzubauen, die ein wenig internationaler klingt und die außerdem viel diverser ist, als die Indiemusikwelt in Deutschland es je war. Deshalb sind sie wichtig. Und alleine, weil ich lange das Gefühl hatte, nur hören zu dürfen, was der männlich geprägte Pop-Kanon mir vorschreibt, sollten auch die No Angels mit ihrem ersten Album auf die Liste. Zumindest für mich ist ihr erstes Album eine Lieblingsplatte.

Alleine mit diesem Namen macht das Festival also schon einiges richtig, weil es sich damit vom belehrenden Kritikerhabitus abgrenzt, der den Leuten sagt, was sie zu hören haben und was nicht. Oder sagt, dass das, was sie hören, nicht cool genug ist und sie es deshalb alles heimlich in Guilty Pleasure-Playlists packen müssen und die ultracoole Can-Platte neben irgendeiner B-Seite an die Zimmerwand hängen, um damit anzugeben. All das braucht Pop wirklich nicht mehr. Deshalb: Weniger Kanon. Mehr Lieblingsplatte.

 

Anika – Anika

Beatsteaks – Smashmash

Blümchen – Herzfrequenz

Der Ringer – Soft Kill

Die Braut haut ins Auge – Die Braut haut ins Auge

Die Goldenen Zitronen – Lenin

Die Prinzen – Das Leben ist grausam

Die Regierung – Raus

Die Sterne – In Echt

DJ Koze – Amygdala

Ebow – K4L

Echt – Freischwimmer

EinsZwo – Gefährliches Halbwissen

Element of Crime – Damals hinterm Mond

Fehlfarben – Monarchie und Alltag

Fishmob – Power

Haiyti – Montenegro Zero

Hans-A-Plast – Hans-A-Plast

Harmonia – Musik von Harmonia

Hildegard Knef – Ich bin den weiten Weg gegangen

Holger Biege – Wenn der Abend kommt

Ideal – Ideal

Ingrid Caven – Der Abendstern

International Pony – We Love Music

Isolation Berlin – Berliner Schule

Isolée – Rest

Ja, Panik – Dmd Kiu Lidt

Jacques Palminger & Erobique – Wann Strahlst Du

JaKönigJa – Emanzipation im Wald

Kante – Zombi

Lali Puna – Scary World Theory

Lassie Singers – Die Lassie Singers Helfen Dir

Malaria! – Compiled

Michael Rother – Flammende Herzen

Nico – Chelsea Girl

Nina Hagen – Angstlos

No Angels – Elle‘ments

Palais Schaumburg – Pailais Schaumburg

Peter Licht – Lieder vom Ende des Kapitalismus

Robag Whrume – Thora Vukk

Ruhrpott AG – Unter Tage

Schnipo Schranke – Satt

Sophia Kennedy – Sophia Kennedy

Stereo Total – Musique Automatique

The Düsseldorf Düsterboys – Nenn mich Musik

Tic Tac Toe – Tic Tac Toe

Tocotronic – Pure Vernunft Darf Niemals Siegen

Tomte – Hinter all diesen Fenstern

Ton Steine Scherben – Keine Macht Für Niemanden

Trettmann – #DIY

Wir sind Helden – Die Reklamation