Max Dax

 

Graue Wolken (Blumfeld)

 

 

Angebot für einen Kanon deutscher Popmusik

Die Frage nach einem Kanon deutscher Pop-Musik, also nach einem Konsens darüber, was der Kern eines allgemein gültigen Wissensstandes über Pop-Musik aus Deutschland zu sein hat, ist ebenso spannend wie überfällig. Im Film und in der Literatur gibt es solche Listen, und sie sind, auch wenn man stets über jede Liste auch geteilter Meinung sein kann, zum Beispiel Grundlage für Lehrpläne in Schulen. Kurz gesagt bedeutet die Einigung auf einen Kanon, dass man eine Anzahl an Büchern gelesen und an Filmen gesehen haben muss, um im Sinne einer „Allgemeinbildung“ diskursfähig mitreden zu können.

 

Ansätze zu einem Kanon deutscher Pop-Albumveröffentlichungen hat es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben. Das waren vor allem Listen, die in Zeitschriften wie Sounds, dem Musikexpress, dem deutschen Rolling Stone oder vor allem der Spex angeboten wurden und teilweise stark vom Zeitgeist oder vom persönlichen Geschmack der jeweiligen Autoren geprägt waren. Ich möchte mit diesem Text ein Angebot liefern, wie ein solcher Kanon aussehen könnte, wenn er dem Leitmotiv der Avantgarde folgt, also dem Voraussein seiner jeweiligen Zeit. Musik hat dann immer Herzschrittmacher zu sein, Treiber, Inkubator.

 

Es gibt freilich Handicaps. Müsste ein Kanon deutscher Pop-Musik nicht auch die Musik von im Exil lebenden Musikern berücksichtigen? Oder, noch naheliegender, Musik aus allen anderen Ländern selbstverständlich mit einbeziehen, wenn sich ein Bezug zur Bundesrepublik herstellen lässt? Mit einem Mal wären Laibach, Falco und auch Yello mit im Spiel. Und was ist mit Instrumentalmusik, sprich: mit Elektronika und Techno? Und schließlich: Wie gehen wir mit höchst einflussreicher Genre- oder „Nischen“-Musik um, die wie die Musik von Peter Brötzmann bis heute nur eingeschränkte Hörerkreise erreicht?

 

Aber leben wir nicht längst im Zeitalter des Longtail, das ja eines der prägendsten Zeichen unserer Zeit darstellt: Nämlich, dass all diese Kriterien gleichwertig nebeneinander stehen. Im Longtail stehen wenige, nur vermeintlich relevante Mainstream-Bestseller einem unübersichtlichen Strom an kleinen, mittelgroßen und kleinsten Veröffentlichungen gegenüber, die aber in der Summe ein Vielfaches der Bestseller umsetzen. Erfolg bedeutet nicht gleich Nominierung, Misserfolg nicht gleich Nicht-Nominierung.

 

Und genau all diese Hürden geben der Frage nach einem Kanons der Avantgarde also einer Liste der wahren Influencer, einen riesigen Resonanzraum.

 

In der Berliner Spex (und zuvor auch in der Spex mit Diedrich Diederichsen) waren wir Autoren stets auf der Suche nach Phänomenen, die über sich selbst hinausweisen, sich gewissermaßen selbst transzendieren — beispielsweise im Unterschied zum alljährlichen Sommeralbum, auf das sich alle einigen können.

 

In meinem Vorstoß für einen Kanon moderner deutscher Pop-Musik finden sich daher einige Alben, die überraschen mögen, sich aber letztlich nicht auf meinen Geschmack zurück führen lassen, sondern stets auf der Überzeugung basieren, dass diese Werke stilbildend und einflussreich für die Szene der Sänger, Musiker und Produzenten ihrer Zeit und darüber hinaus waren — eben jene Künstler, die ihrerseits am Kanon der Zukunft arbeiten. Ganz im Sinne von Peter Hein, der in „Es geht voran“ (1980) die — natürlich! — allgemein bekannten Zeilen singt: „Keine Atempause / Geschichte wird gemacht / Es geht voran!“

 

Fehlfarben, wie auch Kreidler, Blumfeld, Mutter, Mouse on Mars, Die Goldenen Zitronen und etliche andere Bands sind im Zakk Düsseldorf bereits aufgetreten und haben jeweils ein Schlüsselalbum aus ihrer Diskografie gespielt. Dieses Jahr sind mit Palais Schaumburg, Faust und Die Nerven gleich drei Bands dabei, die zweifellos in einen Kanon deutscher Musik aufgenommen gehören. Ein Festival dieser Art über die Jahre beharrlich fortzuführen und dabei auch Rücksicht auf den Konsens eines Publikumsgeschmacks ist eine bewundernswerte Gratwanderung. In meiner chronologisch sortierten Liste fehlen indes einige Publikumslieblinge (Tocotronic, Element of Crime, Fantastische Vier, u.v.a.m.), und von jedem Künstler/Band gibt es nur eine Nennung. Ich frage mich: Welche Frauen habe ich vergessen?

 

 

Angebot eines Kanons deutscher Pop-Musik:

 

Karlheinz Stockhausen: Gesang der Jünglinge im Feuerofen (1962)

The Monks: Black Monk Time (1964)

Nico: Chelsea Girl (1967)

Peter Brötzmann Octet: Machine Gun (1968)

CAN: Tago Mago (1971)

Neu!: Neu! (1972)

Ton Steine Scherben: Keine Macht für Niemand (1972)

Faust: Faust IV (1973)

Udo Lindenberg: Ball Pompös (1974)

Kraftwerk: Autobahn (1974)

Scorpions: Lovedrive (1979)

Yello: Solid Pleasure (1980)

Asmus Tietchens: Nachtstücke (1980)

Abwärts: Computerstaat (1980)

Fehlfarben: Monarchie und Alltag (1980)

DAF: Alles ist gut (1981)

Palais Schaumburg: Palais Schaumburg (1981)

Trio: Trio (1982)

Falco: Einzelhaft (1982)

Einstürzende Neubauten: Zeichnungen des Patienten O.T. (1983)

Nina Hagen: Angstlos (1983)

Spliff: Schwarz auf Weiß (1984)

KMFDM: What Do You Know Deutschland? (1986)

Stephan Remmler: Keine Sterne in Athen (1986)

AG Geige: Yacht & Buchteln (1987)

Laibach: Opus Dei (1987)

Kolossale Jugend: Heile Heile Boches (1989)

Die Erde: Kch Kch Kch (1989)

Cpt. Kirk &: Reformhölle (1992)

Mutter: Du bist nicht mein Bruder (1993)

F.S.K.: The Sound of Music (1993)

Von Spar: Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative (1994)

DJ Koze: Kozi Comes Around (1995)

Alec Empire: Low on Ice (1995)

Basic Channel: BCD (1995)

Mouse on Mars: Iaoha Tahiti (1995)

Kreidler: Weekend (1996)

GAS: Zauberberg (1997)

Pole: Pole 2 (1999)

Blumfeld: Testament der Angst (2001)

Bohren und der Club of Gore: Black Earth (2002)

The Aim of Design Is to Design Space: The Aim of Design Is to Define Space (2005)

Alva Noto: Xerrox Vol. 1 (2007)

Niels Frevert: Du kannst mich an der Ecke rauslassen (2008)

Ja/Panik: The Taste and the Money (2008)

Goldene Zitronen: Die Entstehung der Nacht (2009)

Kristof Schreuf: Bourgeois With Guitar (2010)

Efdemin: Chicago (2010)

Diamond Version: CI (2014)

Scooter: The Fifth Chapter (2015)

Hell: Zukunftsmusik (2017)

Capital Bra: Berlin lebt (2018)

Die Nerven: Fake (2018)

Igor Levit: Complete Beethoven Piano Sonatas (2019)

 

 

Meine Liste versammelt, so streitbar lückenhaft sie sein mag, ausschließlich Avantgardisten. Jeder Sänger, jede Band hat den deutschen Pop-Musikbegriff entscheidend erweitert. Zu fast jeder Nennung gibt es eine (oft viel bekanntere) Platte eines anderen Künstlers, die unerwähnt bleibt, weil vielleicht nur etwas zuvor neu Formuliertes weiter ausdifferenziert wurde.

 

Über die meisten Alben dürfte Konsens bestehen. Wären Mehrfachnennungen erlaubt, würden Kraftwerk oder die Einstürzenden Neubauten mehrfach auftauchen. Widmen wir uns also den Überraschungen.

 

Warum Spliff? Mit ihrem Album „Schwarz auf Weiß“ schufen Spliff eine Art neuen Typus des deutschen Pop-Songs. Stücke wie „Bahnhofshotel“, „F# Kuss“ oder „Sirius“ entwerfen in Lyrik und Sound eine eigenständige, radiotaugliche Alternative zum deutschen Pop-Mainstream der Achtzigerjahre and beyond. Die in ihrem Auftreten oft uncoole Band löste sich 1984 auf, ihr Weckruf verhallt ungehört, doch warte ich auf die Band, die ernsthaft an die Utopien dieses Albums anknüpft. Und kosmischer als Ideal waren sie allemal.

 

Warum Laibach? Früher als fast alle anderen lieferte die slowenische Band Laibach, zugleich Teil des Künstlerkollektivs Neue Slowenische Kunst (N.S.K.), noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs 1987 mit „Opus Dei“ einerseits den Blueprint für Bands wie die affirmativen Rammstein, vor allem aber revolutionierten sie das Selbstverständnis, mit dem Bands fortan mit Strategien aus der bildenden Kunst erfolgreich agieren konnten. Ihr Hit „Geburt einer Nation“ war nichts weniger als die geniale Eins-zu-Eins-Übersetzungen von Queens „Birth of a Nation“.

 

Warum Peter Brötzmann? Wenn du bereits alles im Leben gehört hast, wird dich dieses Album auch heute noch aus dem Konzept bringen. Peter Brötzmanns Octet erreicht eine Dynamik, die zuvor ungehört war. Und auch über ein halbes Jahrhundert nach seinem Release, zu Deutsch: seiner Entfesselung via Veröffentlichung, ist diese Musik dringlich wie nie.

 

Warum Niels Frevert? Bereits mit seiner Band Nationalgalerie schaffte es der Hamburger Sänger und Bandleader, eine Bewunderung für angloamerikanische Musik in eine eigenständige deutschsprachige Form zu gießen. Nichts ist schwerer als das! Auf „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ bringt Frevert seinen Stil zu einem geschmeidigen Höhepunkt, mit „Niendorfer Gehege“ seine Lyrik auf eine Ebene des Persönlichen, die ihresgleichen sucht.

 

Warum die Scorpions? Ja, sie haben zur Wiedervereinigung den Song „Winds of Change“ verbrochen, aber zumindest „Lovedrive“, wie übrigens alle Alben von CAN selbstverständlich in englischer Sprache aufgenommen, war 1979 mehr als nur zeitgemäß. Es stellte, wie einige Alben von CAN, Kraftwerk oder Faust zuvor, klar, dass Musik von hier, nun ja, auch international relevant sein konnte.

 

Warum Scooter? Die Frage erübrigt sich. Wer damit ein Problem hat: PM me!

 

Ein Problem für einen bis heute fehlenden Kanon deutscher Pop-Musik liegt in der Diskontinuität der deutschen Geschichte. Die Diktatur der Nationalsozialisten zerstörte jedes diskursive, aufeinander aufbauende Wachsen einer eigenständigen, modernen Popkultur. Wenn sie es konnten, wanderten die betroffenen Künstler aus. Wenn sie es nicht konnten, wurden sie ermordet. Nach dem Krieg war das seiner Kultur beraubte Land zudem durch die Mauer kulturell zweigeteilt. Was sich aus diesen Trümmern ab den Sechzigerjahren erhob, konnte definierte sich in Bewunderung, Auseinandersetzung oder Ablehnung auf das Andere, nicht auf das Eigene, das es nicht mehr gab. Die Ergebnisse waren maximal unterschiedlich. Heute ist die Welt digitalisiert, alle kommunizieren mit allen, alles ist informiert von allem.

 

Wie wäre es, den Vorschlag eines Kanons der Avantgarde als mehr als abendfüllende, Playlist zu begreifen? Wer sich die Mühe macht, und die genannten Alben eines nach dem anderen von Anfang bis zum bitteren Ende durchzuhört, wird mir vielleicht Recht geben, dass die Essenz deutscher Pop-Musik sich im Kern immer im Spannungsfeld zwischen Klassischer Musik und Blues bewegt hat. Die elektronische Musik hätte in diesem Sinne Karlheinz Stockhausen viel zu verdanken, und Capital Bra wäre ohne den Blues und den Funk und den HipHop nicht denkbar. Eine Frage zum Schluss: Wenn das beste deutsche Pop-Album des Jahres 2019, eine zeitgemäße, weil radikale Interpretation aller Klaviersonaten von Beethoven, von dem russisch-deutschen Juden Igor Levit stammt, wie vielfältig sind dann die Perspektiven für die Zukunft?

 

Ernstgemeinte Nachträge für von mir vergessene Sängerinnen nehme ich gerne entgegen. Balbina wird schon jetzt abgelehnt. Über Sarah Connor können wir gerne reden.

 

Max Dax

 

Im Dezember 2019