Philipp Holstein

 

Das ist mein Kanon

(Und jetzt sag mir wer du bist)

1. Eigentlich mag ich das nicht: Jemand stellt einen Kanon zusammen, und alle sagen:
„Oh!“. Leute, die einen Kanon zusammenstellen, finde ich unsympathisch. Was ist die
Mehrzahl von Kanon? Jedenfalls: Kanons gehen mir auf den Keks.

2. Trotzdem lese ich jeden Kanon, den ich in die Finger bekomme.

3. Ich möchte deshalb nun nicht einen (oder noch schlimmer: den) Kanon
zusammenstellen.

4. Sondern meinen.

5. Diese Liste ist nicht dazu da, jemandem zu sagen, was er hören muss oder sollte.
Sondern um ins Gespräch zu kommen. Und Reaktionen zu provozieren.

6. Keine Vorschrift, keine Anmaßung, sondern Eröffnung des Dialogs: Diese 50 Platten
haben mehr mit mir zu tun als andere.

7. Natürlich ist jeder Mensch mehr als 50 Platten.

8. Aber irgendwie auch nicht.

9. Jedenfalls: Wenn ich 50 Platte wäre, dann diese.

10. Oder besser gesagt: Diese 50 Platten bin ich am 4. Dezember 2020 um 11.14 Uhr
gewesen. Da habe ich die Liste geschlossen. Heute wäre ich vielleicht eine andere Liste.
Eine andere Reihenfolge. Denn seit dem Moment, da ich die Liste geschlossen habe, ist
ja wieder Leben dazugekommen. Und Leben lagert sich in Musik ab.

11. Joan Didion sagt: „Wir kommen nicht um die Tatsache herum, dass Wörter auf Papier
zu setzen die Taktik eines verborgenen Tyrannen ist, der in die innerste Sphäre des Lesers
eindringt und ihm sein Empfinden aufzwingt.“

12. Bloß kein Empfinden aufzwingen. Keine Konsensentscheidung über die besten
Platten.

13. Das ist nun also mein Kanon. Und wer bist Du?

14. Es geht mir um Resonanz.

15. Resonanz bedeutet mitschwingen.

16. Falco sagt: „Herr President, wir kennen eine Sprache / Diese Sprache, die heißt
Musik.“

17. Das wäre etwas: EINE Sprache sprechen. Musik sprechen. Lieblingslisten wären in
dieser Sprache Dialekte und Akzente. Individuelle Färbungen. Die persönliche Note.

18. Mein Dialekt wurde in meiner Kindheit geprägt. Ich war allein mit meiner Mutter, und
meine Mutter hörte „Udo 80“, Leonard Cohen und Boney M. Ich weiß, dass sie den
Vortänzer und Sänger von Boney M. ziemlich gut fand. Nicht nur wegen seiner Stimme.
Und er ist ja auch wirklich gut. Jedenfalls hat mich seine Musik geprägt.

19. Geschmack ist keine bewusste Entscheidung. Der Pianist Gonzales spricht in diesem
Zusammenhang vom „musikalischen Paradies der Kindheit“. Man hört am besten, wenn
man arglos hört.

20. Gonzales schreibt das in seinem Buch über seine Lieblingskünstlerin. Sie heißt Enya.

21. Gonzales sagt: „Wer sich in seinen Vorlieben maskiert, beraubt sich der
musikalischen Unschuld und der Gänsehautmomente.“

22. Gonzales sagt auch: „Eine geschönte Liste ist wie gefälschte Papiere.“

23. Bis heute freue ich mich mehr, „Ma Baker“ zu hören als sagen wie mal irgendwas von
Pink Floyd.

24. „Ma ma ma ma / Ma Baker / She taught her four sons / Ma ma ma ma / Ma Baker / To
handle their guns.“

25. Das ist ja ohnehin ein Phänomen, von dem diese Liste erzählt. Dass man in einer
bestimmten Zeit besonders stark auf Musik reagiert. Dass sich das erste Mal festsetzt in
der Persönlichkeit. Das erste Mal Musikhören. Also, richtig Musik hören. Nicht nur mit den
Ohren, sondern vor allem da, wo Musik ankommt, wenn sie einem etwas bedeutet: mit
dem Bauch also und mit der Stelle zwischen Bauch und Brust. Da, wo es kribbelt oder
drückt. Wo der Auslöser ist, der einen erst schmunzeln und dann sagen lässt: Ey, hör mal!

26. Kanons hört man am besten mit denen, zu denen man am liebten sagt: Ey, hör mal!

27. Überhaupt ist für die Entstehung eines Kanons nie nur eine Person verantwortlich.
Sondern auch diejenigen, zu denen diese eine Person besonders häufig gesagt hat: Ey,
hör mal!

28. Deshalb an dieser Stelle: Ey, Danke, Mama, Sandra und Bert!

29. Kanons sind etwas Intimes. Es gehört Mut dazu, vor jemandem seinen Kanon
auszubreiten. Als ich bei ebay meinen alten iPod verkaufte, fragte der Käufer, ob ich die
128 Gigabyte Musik, die auf dem Gerät waren, nicht einfach drauflassen könne. Konnte
ich nicht. Wollte ich nicht. War keine schöne Vorstellung, irgendwie. Ich kannte den Kerl ja
gar nicht.

30. Die schönste Musik ist die, die man hören möchte, wenn man mit Kopfhörern im Bett
liegt und den Arm über die Augen legt.

31. Und die beste Musik ist die, die nachklingt, wenn man den Arm wieder von den Augen
nimmt und die Welt erstmal noch ein bisschen undeutlich und verschwommen sieht.

32. Auf Platz eins steht eine Platte, die ich bei einem Mailorder bestellte, weil ich das
Label so mochte, auf dem sie erschien: Marsh Marigold aus Hamburg. Dort wurde
Gitarrenpop verlegt. Der wurde oft von Anorak tragenden Jungs gesungen, die eine
Einstellung zur Welt kultivierten, die man am besten mit einem englischen Begriff auf den
Punkt bringt: happy to be sad.

33. Es ging in diesen Liedern meistens um das Anschmachten und Nicht-Erhörtwerden.
Wobei das Anschmachten per se so angelegt war, dass recht bald klar wurde, da will
jemand gar nicht erhört werden.

34. Meine deutsche Lieblingsplatte stammt also von Busch, es ist das Debüt dieser Band,
und das erste Lied ist für mich das schönste überhaupt, und es beginnt so: „In einem
Franziskanerkloster schreibe ich meine Memoiren / über Dinge, die mir wichtig waren.
Irgendwo in den Vogesen. / Würdest du es bitte lesen? / Hier in diesem kleinen Kloster
unter meinem Ché Guevara Poster / schreibe ich, was niemand hören will.“

35. Ich sage ja: Es gehört Mut dazu, seinen Kanon auszubreiten.

36. Nicht beeindrucken.

37. Lieber zum Schmunzeln bringen.

38. Ich muss schmunzeln, wenn ich „Musique Non Stop“ von Kraftwerk höre. Weil ich
mich daran erinnere, wie mich das Stück faszinierte, als ich ihm 1986 in der
Fernsehsendung „Formel Eins“ zum ersten Mal begegnete. Und vor allem muss ich
schmunzeln, weil ich mit Bert, der es auch gesehen und gehört hatte, in seinem
Jugendzimmer darüber sprach.

39. „Kraftwerk, ey!“

40. „Trans Europa Express“ ist sicher die bessere Platte. Aber erst das Album „Electric
Café“ hat mir die Tür zum Werk von Kraftwerk geöffnet. Erst durch diese Platte habe ich
begriffen, wie toll „Trans Europa Express“ ist. „Electric Café“ ist deshalb „meine“
Kraftwerk-Platte.

41. Und „Fragezeichen“ ist meine Nena-Platte. Wenn ich den Namen Nena höre, denke
ich sofort: „Dein Auto fährt zu schnell, weil du auf der Reise bist“.

42. Und wenn ich den Namen Hildegard Knef höre, denke ich: „Im 80. Stockwerk / In dem
Haus, das es nicht gibt / In der Stadt, die es nicht gibt / Wird ein Mädchen steh’n.“

43. Und wenn ich den Namen Udo Jürgens höre, denke ich, dass keiner heute mehr so
textet, und ich denke, wie schade das ist: „Ich will, dass endlich etwas Neues beginnt /
Dass wir wie ein Gedanke, ein Körper sind / Das ist mein Ziel / Sag’ mir nur eins / Will ich
zu viel?“

44. Lieblingslieder sind die Lieder, die man mitsingt oder -summt, obwohl sie gerade gar
nicht im Radio laufen. Man hört sie, obwohl niemand sie angestellt hat. Sie sind einfach
da. Wie gute Freunde.

45. Ich habe beim Zusammenstellen gemerkt, dass es nicht so leicht ist, sich auf Alben
festzulegen. Viele Künstler aus Deutschland, die wichtig sind für mich, haben es gar nicht
bis zum Album gebracht. Die Jesterbells aus Hamburg etwa. Und
viele Lieder, die ich zuletzt sehr mochte, weil sie Anlässe boten, mich mit meinem Sohn
zum ersten Mal über Lieblingsmusik zu unterhalten, sind ebenfalls auf keinem Album. „Ayo
Technology“ von Kynda Gray und Rin etwa. Oder „Heartbreakerei“ von Fuffifufzich.

46. Kraftwerk sagt: „Es wird immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen.“

47. Aber das soll ja kein Monolog werden.

48. Wer im Kanon singt, ist nicht alleine.

49. Das hier bin also ich. Das sind die Lieder, bei denen ich mich gut fühle. Bei denen ich
mich fühle.

50. Und wie fühlst Du Dich?

Mein Kanon

1. Busch: Debut (1995)
2. Kraftwerk: Electric Café (1986)
3. Nena: Fragezeichen (1984)
4. Tocotronic: Digital ist besser (1995)
5. Ja König Ja: Ja König Ja (1995)
6. Basic Channel: BCD (1995)
7. Boney M: Take The Heat Off Me (1976)
8. Sandra: The Long Play (1985)
9. Monoton: Monotonprodukt2 (1980)
10. Hildegard Knef: Knef (1970)

11. Propaganda: A Secret Wish (1985)
12. Blumfeld: Ich-Maschine (1992)
13. Udo Jürgens: Udo `80 (1979)
14. Alphaville: Forever Young (1984)
15. Philip Boa: Hair (1989)
16. Camouflage: Voices & Images (1988)
17. Einstürzende Neubauten: Haus der Lüge (1989)
18. Millenia Nova: Slow E-motion Sightseeing (1998)
19. Thomas Köner: Permafrost Trilogie (1992-97)
20. Fünf Freunde: Inspektor, Inspektor (1991)

21. Milli Vanilli: All Or Nothing (1988)
22. Falco: Falco 3 (1985)
23. Neu!: Neu 75 (1975)
24. Manuel Göttsching, E2E4 (1984)
25. Rhythm & Sound: w/the Artists (2003)
26. Jeremy Days: Jeremy Days (1988)
27. Tama Sumo: Panoramabar 02 (2009)
28. Can: Future Days (1973)
29. Kreidler: Appearance & The Park (1998)
30. Peter Schilling: Fehler im System (1982)

31. Gas: Königsforst (1998) 32. Digitalism: Idealism (2007)
33. VA: „Bessere Zeiten klingt gut“ (1997)
34. Humpe & Humpe: „Humpe & Humpe“ (1985)
35. Pantha Du Prince: This Bliss (2007)
36. DAF: Alles ist gut (1981)
37. Harmonia: Musik von Harmonia (1974)
38. Bohren & der Club of Gore: Sunset Mission (2000)
39. Haiyti: Sui Sui (2020)
40. Münchener Freiheit: Von Anfang an (1986)

41. Juliane Werding: Ohne Angst (1987)
42. Haftbefehl: Russisch Roulette (2014)
43. Justus Köhncke: Was ist Musik? (2002)
44. Fehlfarben: Monarchie & Alltag (1980)
45. Palais Schaumburg: dto (1981)
46. Move D: Kunststoff (1995)
47. Paula: Himmelfahrt (2000)
48. Christoph De Babalon: If You’re Into It, I’m Out Of It (1997)
49. Soap & Skin: Lovetune For Vacuum (2009)
50. James Last: Christmas Dancing (1966)